15 Apr

„Das Dreirad oder die Entdeckung der Langsamkeit“

Letztens im Park. Zwei junge Mütter unterhalten sich und unweigerlich muss ich dem Gespräch ein wenig lauschen. Die beiden erzählten von ihren Töchtern, jeweils zwei Jahre alt, die gerade gelernt hatten, mit dem Laufrad zu fahren. Beide Mütter waren gleichermaßen stolz über die neu erworbene Fähigkeit ihrer Kleinen und natürlich begeistert, mit welchem Tempo die Kinder sich nun fortbewegen können.

Auch in meiner Praxis höre ich immer wieder, dass die Kinder vom Rutschauto oder Bobbycar zum Laufrad wechseln und dieses bereits mit eineinhalb Jahren fahren können. Natürlich sind die Eltern begeistert! Und ja, das Laufrad passt ganz wunderbar in unsere schnelle Zeit. Es ist eine geniale Erfindung!

Haben wir zu wenig Zeit für unsere Kinder?

Kaum ein Erwachsener hat noch so richtig viel Zeit – egal wofür – und mit dem Laufrad können die Kleinen einigermaßen mit dem Tempo der Großen mithalten. Außerdem kommen sie beim Spaziergang nicht auf die Idee, permanent anzuhalten, um ihre Umwelt zu erkunden.

Kinder, die zu Fuß gehen, bleiben dauernd stehen, um Schnecken oder Steine einzusammeln, in Pfützen zu springen oder einfach um stehen zu bleiben. Kinder, die mit dem Dreirad fahren, verhalten sich genauso, denn das Dreirad ist ein sehr langsames Fortbewegungsmittel. Wie auch beim Gehen nehmen Kinder dabei die Umwelt sehr intensv wahr und wollen auch immer wieder mal stoppen, um die eine oder andere Überraschung zu erleben. Die Welt ist für ein Kind voller Wunder!

Mit dem Tempo, das ein Laufrad ermöglicht, wird diese Wahrnehmung der Umwelt unweigerlich eingeschränkt. Vielleicht können Sie sich an Ihre erste lange Wanderung erinnern, in einer Gegend, die Sie bereits gut kennen, und sich selbst sagen hören: „Wenn man geht, nimmt man das alles ganz anders wahr! Das… ist mir aus dem Auto noch nie aufgefallen!“

Was ist besser: Laufrad oder Dreirad?

Dies bedeutet nicht, dass man Laufräder verdammen muss. Auch Laufräder sind ein Spielzeug, das Kinder lieben! Vielleicht stellt man sie den Kindern erst etwas später zur Verfügung? Doch lassen Sie mich die beiden Spielgeräte Laufrad und Dreirad einfach vergleichen.

Das Laufrad

Laufrad fahren ist einfach, vor allem, wenn das Kind die Abstoßbewegung der Beine bereits vom Bobbycar kennt. Ohne langes Üben können Kinder mit den Laufrädern beim Spaziergang mithalten, je schneller das Tempo, desto einfacher das Fahren.

Warum?
Nun, Sie kennen das sicher vom Radfahren! Wenn man sehr langsam fährt, wird es immer schwieriger, das Gleichgewicht zu halten. Zwei- bis dreijährige Kinder müssen erst lernen, das Gleichgewicht zu halten und können Geschwindigkeit weder einschätzen noch dosieren – das bedeutet, dass beim Fahren mit dem Laufrad das Gleichgewicht halten nur gelingt, wenn sie einigermaßen schnell fahren. DASS sie schnell fahren, können sie aber nicht bewusst erfassen!

Warum?
Die visuelle Wahrnehmung entwickelt sich am stärksten zwischen drei und sieben Jahren. Kinder vor dem dritten Lebensjahr können das Sehen noch nicht ausreichend mit den Bewegungen ihres Körpers koordinieren, außerdem können sie Entfernungen noch nicht sicher abschätzen. Beim schnell Fahren mit dem Laufrad bekommen sie so viele visuelle Eindrücke, dass es für die Kleinen unmöglich wird, diese zu verarbeiten – langsam fahren schaffen sie aber kaum.

Der Gleichgewichtssinn wird übrigens beim Laufrad fahren nur mäßig trainiert, denn bei Gleichgewichtsreaktionen rotiert der Mensch um die Körperlängsachse, die Wirbelsäule dreht sich aber nur wenig beim Laufrad fahren. Um das Gleichgewicht zu trainieren, ist  Roller fahren deutlich sinnvoller als Laufrad fahren.

Beim Laufrad fahren wird die Beinmuskulatur kaum gekräftigt, denn das Körpergewicht wird fast vollständig vom Sattel getragen.

Das Dreirad

Mit dem Dreirad ist eine höhere koordinierte Herausforderung gegeben, als mit dem Bobbycar oder Laufrad. Ein Dreirad ist für Kinder, wenn sie gut die Pedalen erreichen, geeignet.

Dreiradfahren fördert die Koordination, während mit den Pedalen abwechselnd getreten werden muss, muss zeitgleich mit dem Lenker stabilisiert werden.

Mit dem Dreirad sind die Kinder so langsam unterwegs, dass sie ihre Umwelt erleben können. Genau darum geht es in den ersten Lebensjahren! Bilder im Gehirn zu speichern, damit sie später mit Vorstellungen operieren können, diese Entwicklung findet in den ersten Jahren statt. Vielleicht haben Sie auch mit ihren Fingern oder Gummibärchen zählen geübt, jetzt können sie mit den Zahlen auch ohne Gummibärchen rechnen. Bestimmt haben Sie früher auch Blätter, Äste, Früchte oder Blumen gesammelt und so die Natur, die Jahreszeiten, Gewichte und Größen kennen gelernt.

Neben dem Laufen stellt das Dreiradfahren eine Alternative dar, die Muskulatur zu trainieren – aber bitte ohne Schiebestange! Diese nimmt den Kindern die Motivation, selber zu fahren. Durch die Schiebestange werden Kinder passiv und bewegungsarm!

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Wenn Sie noch Fragen zum Thema haben, schreiben Sie mir gerne!

2 Gedanken zu „„Das Dreirad oder die Entdeckung der Langsamkeit“

  1. Danke für diesen wertvollen Beitrag! Er regt zum Nachdenken an und hilft, sein Kind zu fördern, anstatt den ständig wechselnden Modetrends hinterher zu laufen und seinem Kind angeblich das beste zu bieten. Ich freu mich schon auf den nächsten Beitrag!

  2. Warum eigtl ‚oder‘?

    Meine Kinder haben Beides. Sie fahren beides gerne und auch beides in ähnlicher Geschwindigkeit. Auch wird zwischendrin ein Stück oder von vornherein gern gelaufen. Beide Fahrzeuge fördern, keins ist Schädlich.
    Für mich gehören Laufrad und Dreirad in den Familien-Fuhrpark. Das Dreirad nutzen wir auch schon deutlich früher als das Laufrad, zwar passiv, aber dennoch aktiver als im Kinderwagen. Später dann natürlich auch aktiv. Da wir am Berg wohnen jedoch immer mit Stange, die Steigung schafft die Bremse nämlich nicht alleine… Und aufwärts ist das auch angenehmer

    Die meisten/schlimmeren Unfälle hatten meine übrigens mit dem Dreirad. Das (Puky) kippt nämlich bei schnellen Kurvenfahrten einfach nach außen um Fliehkräfte und so…

    Ich finde zu den Vorteilen des Laufrades zählen auch, dass es eben weniger kraftaufwändig ist und somit längere Strecken gemeistert werden können.
    Auch ist es platzsparender zu transportieren und kann z.b. auch bei der Radtour mitgenommen werden so dass das Kind statt nur im Sitz zu sitzen auch mal ein Stück selber fahren kann. Ein Dreirad lässt sich da schlecht mitnehmen.

    Meine Tochter fährt seit sie 3 Jahre und 3 Monate ist Fahrrad, ohne Stützräder selbstverständlich 😉 und ich bin mir sicher, dass da die 2-Rad-Laufraderfahrung und die Dreirad-Pedalerfahrung eine gute Vorbereitung waren 🙂

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